Lobbyarbeit gegen Antibiotikamissbrauch

Bildquelle: Albert-Schweitzer-Stiftung
Bildquelle: Albert-Schweitzer-Stiftung

Der Antibiotikamissbrauch gehört in der industriellen Nutztierhaltung, vor allem in der Geflügelmast, praktisch zum Alltag. Bis vor einiger Zeit haben die Verteidiger der Geflügel-Fabriken noch empört, dabei jedoch wenig faktenreich auf solche Aussagen reagiert. Heute ist die Faktenlage allerdings so erdrückend, dass man nicht mehr darüber diskutieren muss, ob in der Intensivmast Missbrauch mit Antibiotika betrieben wird oder nicht.

Den Stein ins Rollen brachte Amtsveterinär a. D. Dr. Hermann Focke. Er wies in seinem Buch »Die Natur schlägt zurück« nach, dass im Laufe der Jahre immer mehr Antibiotika verabreicht wurden und dass das 2006 eingeführte Verbot der Verwendung von Antibiotika als Masthilfsmittel diesen Trend noch nicht einmal verlangsamen, geschweige denn aufhalten konnte. Spätestens seitdem war für Kenner der Materie klar, dass die Agrarindustrie Antibiotikamissbrauch im großen Stil betreibt und damit die Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzt. Schließlich erhöht jede Verwendung, insbesondere in den wohl üblichen subtherapeutischen Dosen, das Risiko der Bildung von Krankheitserregern, bei denen Antibiotika versagen. Auch eine besorgniserregende Steigerung solcher Resistenzen wies Focke nach.

 

Es folgten Erhebungen und Studien in NRW und zuletzt in Niedersachsen, die beweisen, in welchem (und von der Agrarindustrie zuvor stets geleugneten) Ausmaß Antibiotika in der Hühnermast zum Einsatz kommen. Dieser Antibiotikamissbrauch ist im System vorgesehen, denn die Bedingungen in der Mast sind so schlecht, dass die Tiere ohne regelmäßige medikamentöse Behandlungen häufig nicht bis zum Schlachtermin überleben würden. Wenn die von der Geflügelindustrie verabreichten Antibiotikamengen wirksam reduziert werden, würde das zumindest in einem gewissen Ausmaß zu höheren Tierschutzstandards führen: die Besatzdichten müssten jedenfalls reduziert werden und vermutlich würde auch die rücksichtslose Zucht auf immer schnellere Gewichtszunahmen gebremst werden.

Nicht zuletzt, weil eine Abschaffung des Antibiotikamissbrauchs substantiell zu einer Linderung von zwei Hauptproblemen in der Geflügelmast beitragen kann, haben wir uns einer europäischen Initiative angeschlossen, über die sich 21 Organisationen und Institute aus dem Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutzbereich in einem offenen Brief an die EU-Kommission sowie an EU-Kommissar Tonio Borg gewandt haben. Darin haben wir gefordert, einen strikten Zeitplan für ein EU-weites Verbot des routinemäßigen Antibiotikaeinsatzes zu erstellen, bestimmte Antibiotika für die »Nutztierhaltung« zu verbieten, Tierschutzstandards zu erhöhen und ein funktionierendes System für die Überwachung des Antibiotikaeinsatzes zu schaffen.

 

Chancen zur Beendigung des Antibiotikamissbrauchs

 

Wenn sich solche breiten Bündnisse aus verschiedenen Richtungen bilden, entsteht eine Hebelwirkung, die mit reinen Tierschutzpositionen in der Regel nicht erzeugt werden kann. Insofern eignet sich das Thema Antibiotikamissbrauch besser für politische Lobbyarbeit als die meisten anderen Tierschutzthemen.

Wenn auch trotzdem zu erwarten war, dass die Antwort des EU-Kommissars keine bahnbrechenden Auskünfte enthalten würde, fiel sie zumindest etwas positiver aus als erhofft: grundsätzliche Positionen werden geteilt; der Handlungsbedarf wird erkannt; es finden derzeit Auswertungen statt, welche Vorschriften zu welchen Resultaten führen würden; unsere Punkte werden in diese Auswertung einfließen und noch in diesem Jahr will die EU-Kommission einen konkreten Vorschlag unterbreiten, wie die veterinärmedizinische Gesetzgebung geändert werden soll.

Zweifelsohne handelt es sich um dicke Bretter, die gebohrt werden müssen, doch beim Thema Antibiotikamissbrauch sind wir relativ optimistisch, dass sich politische Fortschritte für die Tiere erzielen lassen, die unter den aktuellen politischen Konstellationen sonst nicht erreichbar wären. Wir bleiben dran!

 

Quelle: Albert-Schweitzer-Stiftung

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