Verzicht als Lebensstil: Wir hätten gern ein Downgrade

Bild: Matthias Jung
Bild: Matthias Jung

Sie fliegen nicht. Sie kaufen selten neue Hosen und Kleider. Sie tragen lieber dicke Pullover, als die Heizung voll aufzudrehen. Drei Studenten erzählen, wie sie ihr Leben downgegradet haben und auf Luxus verzichten, um die Welt zu retten.

 

Wer am Ende des Wintersemesters zu Wendelin Sandkühler in die WG kam und sein Zimmer betrat, sah einen jungen Mann mit dunkelblonden Haaren und Wollpulli am Schreibtisch sitzen, die Beine in einem Schlafsack. Wendelin lernte für die anstehenden VWL-Klausuren. Zehn Stunden am Tag saß er so da, in langen Unterhosen, zwei dicken Hosen und Wollsocken. "Ich wollte wissen, ob man überhaupt heizen muss", sagt Wendelin heute. Heute weiß er: Muss man nicht, es genügt, warm angezogen zu sein.

 

Wendelin, 25, wird unter den Kölner VWL-Studenten der "Quoten-Öko" genannt. Er duscht ausschließlich kalt, das Notebook teilt er sich mit einem Mitbewohner, im Bioladen kauft er Fairtrade-Schokolade und Soja-Sahne. Und er geht containern, das heißt, er sucht unter anderem in den Mülleimern von Supermärkten nach Lebensmitteln, die noch essbar sind. Zwischen 40 und 80 Euro gibt Wendelin pro Monat für Lebensmittelaus, nur knapp halb so viel wie der deutsche Durchschnittsstudent.

 

Die WG von Wendelin liegt am Stadtrand von Köln, dort, wo die Häuser nur noch einstöckig sind. Auf dem Klo hängt eine Infografik über "heimliche Stromfresser", im Kühlschrank gibt es das Fach "Muss schnell weg". "Wenn jemand seine Nudeln vom Vortag in den Küchenabfall schmeißt, hole ich die raus und esse sie", sagt Wendelin.

 

Nur die wenigsten wühlen im Abfall, aber ökologisch bewusster leben wollen viele Studenten. Studien zeigen, dass so viele 16- bis 27-Jährige wie noch nie bereit sind, Geld für Bio-Lebensmittel auszugeben. 2007 waren es rund zwei Drittel, 2011 schon drei Viertel. Immer mehr verzichten aufs Auto, sparen bewusst Energieund stellen sich eine wichtige Frage: Was brauche ich wirklich?

 

Macht Verzicht glücklich?

 

Es sind Fragen, die auch Wachstumskritiker wie die Uni-Professoren Niko Paech und Harald Welzer stellen, die mit ihren Büchern und Vorträgen derzeit große Erfolge feiern. Welzer zum Beispiel prangert die "Kultur des ALLES IMMER" an, die Idealvorstellung vieler Konsumenten, wonach jedes Produkt jederzeit verfügbar sein sollte. Und Paech lebt sogar am eigenen Leib vor, was er predigt: Keine Flugreisen (nie!), kein Handy, kein Fleisch. Stattdessen: Gemeinschaftsgüter, Selbstreparatur, absoluter Konsumverzicht.

Alles schön und gut, aber kann man so überhaupt ein glückliches Leben führen?

 

Bis vor einigen Jahren glaubte Wendelin die Antwort zu kennen: Nein, so ein Leben macht nicht unbedingt glücklich. Seine Eltern lebten schon immer ökologisch bewusst, ihren Sohn schickten sie auf eine Waldorfschule. Dass die Familie in einem alten Bauernhaus wohnte, mit Hühnern, einem verwilderten Garten und einem Misthaufen vor der Haustür, dafür schämte sich Wendelin. Er wollte so sein wie die anderen: Gartenzaun, gepflegter Rasen, Gartenzwerg. "Spießig eben", sagt er.

 

Nach und nach schwenkte Wendelin aber auf den Kurs seiner Eltern um, und heute ist er unter anderem Mitbegründer des Campus-Gartens der Uni Köln. Jeden Sonntag ist Gartenarbeitstag. Mit anderen Studenten hat er außerdem einen Öko-Reader rausgebracht, darin steht etwa, wie man Strom sparen kann. "Auf dem Campus haben sie uns den Reader aus den Händen gerissen", sagt Wendelin. Die ersten 1000 Exemplare waren sofort weg.

 

"Für meine Klimabilanz war das schlimm"

 

Wie schwer es ist, sich immerzu hundertprozentig ökologisch korrekt zu verhalten, weiß auch Wendelin. Wenn er nachts mal von einer Party kommt und Lust auf Pommes hat, dann kauft er sich die. Manchmal vergisst er auch aus reiner Schusseligkeit, den Computer runterzufahren. Kürzlich ist er sogar mit einem Uni-Kurs nach China geflogen. Nur zum Spaß würde er solche Fernreisen allerdings nicht mehr machen. So wie noch vor zwei Jahren, als er mit seiner damaligen Freundin zum Urlaub nach Australien flog. "Für meine Klimabilanz war das schlimm", sagt er. Das schönste Erlebnis sei eine Wanderung gewesen, und die hätte er auch in Deutschland machen können, sagt Wendelin.

 

Tja, das Fliegen. Auch Hannah Bahr, 22, besteigt ab und an mal einen dieser fliegenden Klimakiller, mit sauschlechtem Gewissen. Einmal beispielsweise, als Hannah - blonde Haare, Holzohrringe, Festivalbändchen ums Handgelenk - zum EU-geförderten Erasmus-Semester in Barcelona war und ihre Schwester sie bat, zum Abi-Ball zu kommen. Es ist oft das gleiche Problem: Familie vs. Fußabdruck; die Welt kennenlernen vs. die Welt verbessern; ökologisch korrekt vs. Bequemlichkeit.

 

Hannah, die ihre Klamotten fast nur auf Kleidertausch-Partys besorgt, wohnt in einer WG in Lüneburg, wo sie Umweltwissenschaften studiert. Sie und ihre vier Mitbewohner stellen vegetarische Brotaufstriche selbst her und sind in einer Food-Kooperation, über die sie Obst und Gemüse von Bauern aus der Region beziehen. Fleisch isst Hannah sehr selten, und dann nur, wenn sie den Bauern kennt, bei dem das Tier großgeworden ist. Hannah weiß: Die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch in Mitteleuropa erzeugt genauso viel Treibhausgase wie eine 120 Kilometer lange Autofahrt. Bei pflanzlichen Produkten wie Tofu entspricht ein Kilogramm nur 19 gefahrenen Kilometern. Hannah könnte deshalb auch nicht mit jemandem zusammen sein, der nicht so tickt wie sie. "Es würde mich schon ekeln", sagt sie, "wenn mein Freund Wurst von einem Discounter essen würde."

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Traumfaenger71 (Montag, 22 Juli 2013 08:15)

    Hallo liebe Mara!
    Sieht doch toll aus, Dein neuer Blog! Und wenn´s funktioniert ist alles in Ordnung!
    Wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche!
    Herzliche Grüße,
    Traumfaenger71

  • #2

    maras-welt (Montag, 22 Juli 2013 09:51)

    Hi Du,
    schön, dass er Dir gefällt. Ich hab auch schon ganz tolle Ideen, ist halt ein Haufen Arbeit, aber das macht richtig Spaß!!!

    Ganz LG
    Mara