Ein Brief von Konstantin Wecker an Barack Obama

Von seinem kleinen Fauxpas einmal abgesehen (kann jeden treffen), finde ich Konstantin Wecker einen der besten Liedermacher, die wir haben. Obwohl, wenn ich mir unsere gesellschaftskritisch und politischen Liedermacher so anschaue, muss ich zugeben, dass wir schon ein paar verdammt gute unter uns haben.

 

Mit Sicherheit ist bei einem Liedermacher der Text ausschlaggebend und der ist meistens provokant und brisant. Jetzt hat Konstantin Wecker einen Brief an Barack Obama verfasst, diesen Brief hat er auf seiner Webseite veröffentlicht. Leider kann man nicht erkennen, ob er ihn auch wirklich verschickt hat, ich denke mal nicht - Obama würde ihn auch gar nicht lesen. Aber nichtsdestotrotz regt er zum Nachdenken an, denn was er da zusammenfasst ist mehr als bedenklich. Es geht um die Rote Linie, mit welcher die USA ständig irgendwelche An-/Gegenschläge rechtfertigt. "Die Rote Linie wurde überschritten. Jetzt müssen wir eingreifen!", ist ein Standardspruch aus dem Kriegshandbuch der USA. Wir kennen es schon zur Genüge!

 

Ein, wie ich finde, sehr guter Brief, der hoffentlich von den richtigen Leuten gelesen wird. Im Vergleich zu den Kriegsverbrechen, welche die USA begangen haben, sehen die Deutschen aus wie Waisenknaben.

 

30.8.2013: Ein Brief an den Präsidenten der USA

Liebe Freunde,

aus aktuellem Anlass, ein Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.
Die NSA kann ihn ja dem Weißen Haus vorlegen....

Sehr geehrter Herr Obama,

die USA sind eine extrem polarisierte Gesellschaft. Das Beste und das Schlechteste im Menschen scheint hier voll entwickelt, und eine Geschichte des Landes Amerika, die ich liebe, gibt es selbstverständlich auch. Es ist die Geschichte von Janis Joplin und Joan Baez, die Geschichte von Rosa Parks und Martin Luther King, Sacco und Vanzetti und Noam Chomsky und viele, viele andere mehr. Die Amerikanische Verfassung war mit ihrem radikalen Gleichheitsversprechen der Welt ein demokratisches Vorbild. Und ich hätte gehofft, Sie, Barack Obama, seien ein Teil dieser fortschrittlichen US-Geschichte und würden ihr einen neues, stolzes Kapitel hinzufügen. Ich habe mich leider getäuscht.

Nun schreibe ich diese Zeilen als Deutscher. Und ich glaube sicher nicht, dass dieses Land und seine Machthaber irgendwie besser wäre als das ihre. Keine Nation der Erde hat mehr Grund als wir, sich auf alle Zeiten aus allen Kriegen auf der Welt herauszuhalten. Aber auch die US-Amerikaner hätten Gründe genug.
Völlig zu Recht sind Sie, Barack Obama, der Meinung, dass in Syrien mit der Ermordung vieler Zivilisten durch Giftgas eine rote Linie überschritten wurde. Auch wenn ich persönlich glaube, das passt nahtlos in die endlose Reihe manipulierter Kriegsgründe - beweisen kann ich das natürlich nicht. Unabhängig davon allerdings wäre diese Erkenntnis doch ein guter Anlass, die jüngere Geschichte Ihres Landes daraufhin zu untersuchen: Wann wurde die rote Linie in den Kriegseinsätzen der USA überschritten?

Die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vom 6. und 9. August 1945 waren der erste und bislang einzige Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg.

Die Atombombenexplosionen töteten insgesamt etwa 92.000 Menschen sofort. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende an den Folgen des Angriffs, zahlreiche weitere an Folgeschäden in den Jahren danach. Bis heute hat keine Regierung der USA eine offizielle Entschuldigung gegenüber den zivilen Opfern der Abwürfe und ihren Angehörigen abgegeben.

Wurde mit dem Einsatz von Napalm im Koreakrieg und in Vietnam keine rote Linie überschritten? Der Gebrauch von Brandwaffen gegen die Zivilbevölkerung wurde durch Protokoll III der Konvention der Vereinten Nationen zur Ächtung unmenschlicher Waffen im Jahre 1980 verboten.

Millionen Vietnamesen waren der Chemikalie Agent Orange ausgesetzt. Heute weiß man, dass die Bevölkerung ein genetisches Erbe mit sich herumträgt. Etwa 150.000 Kinder leiden noch heute unter den Spätfolgen von Agent Orange, dessen giftiger Hauptbestandteil Dioxin ist.

Uranummantelte Munition, die zu schrecklichen Missbildungen unzähliger Menschen im Irak führte - wurde da eine rote Linie überschritten?

Das Abschießen von Zivilisten in Afghanistan wie im Videospiel? Das Aufdecken dieses Kriegsverbrechens durch Chelsea Manning wurde gerade mit 35 Jahren Gefängnis belohnt.

Die Ermordung von "Staatsfeinden" durch Drohnen, nebst Kollateralschaden an Zivilisten - keine rote Linie in Sicht?

Herr Obama, ich spreche ihrem Land die moralische Kompetenz ab, Angriffskriege aus angeblich ethischen Gründen zu führen.

Gehen Sie in sich und arbeiten Sie die Geschichte Ihres eigenen Landes auf.

Das würde vermutlich wirklich zum Wohle der Menschheit gereichen.

Ihr
Konstantin Wecker

P.S:
Herzlichen Glückwunsch dem britischen Unterhaus!!
***EINE HISTORISCHE NIEDERLAGE DER KRIEGSFRAKTION***
British Parliament Votes Against Syria Strike +++ The first time a Prime Minister has lost a vote for war since 1782!!!!!

Zum Schluss noch ein Leckerbissen, für alle Konstantin Wecker-Fans: Empört Euch!

Sie sind wie wir, doch sind sie es nicht gerne,
sie machen sich nicht gern mit uns gemein.
Sie schikanier´n uns lieber aus der Ferne
und wollen gleich nur unter ihresgleichen sein.

 

Wir zahlen Steuern und sie setzen ab.
Wir legen Hand an und sie spekulier´n
und halten unsre Ängste klug auf Trab,
damit wir nichts kapieren beim Verlier´n.

 

Sie sind die Reichen. manchmal auch die Schönen.
Sie reden Unsinn und der wird gern publiziert.
Sie faseln gern von viel zu hohen Löhnen
und dass das unsre Wirtschaft ruiniert.

 

Die Börse jubelt, wenn sie die entlassen,
die ihnen ihren Reichtum eingebracht.
Gerichtlich sind sie eher nicht zu fassen,
denn die Gesetze sind für sie gemacht.

 

Empört euch,
beschwert euch
und wehrt euch,
es ist nie zu spät!

 

Empört euch,
gehört euch
und liebt euch,
und widersteht!

 

Empört euch…

 

Die Visionäre spar´n sich kühnere Entwürfe,
selbst die Satiren wirken blutleer, wie kastriert.
Die Demonstranten fragen scheu, was sie noch dürfen,
und an der Börse wird ein Gesslerhut platziert.

 

Die Menschenwürde, hieß es, wäre unantastbar,
jetzt steht sie unter Finanzierungsvorbehalt -
ein Volk in Duldungsstarre, grenzenlos belastbar,
die Wärmestuben überfüllt, denn es wird kalt.

 

Den meisten ist es peinlich, noch zu fühlen,
und statt an Güte glaubt man an die Bonität.
Man lullt uns ein mit Krampf und Kampf und Spielen -
schau´n wir vom Bildschirm auf, ist es vielleicht zu spät…

 

Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift, sie übt noch.
Wer ihren Atem spürt, duckt sich schon präventiv.
Und nur der Narr ist noch nicht ganz erstarrt, er liebt noch
und wagt zu träumen, deshalb nennt man ihn „naiv“.

 

Empört euch…

 

Verschwört euch…

 

Wir brauchen Spinner und Verrückte,
es muss etwas passier´n.
Wir sehen doch, wohin es führt,
wenn die Normalen regier´n.

 

Konstantin Wecker

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Kommentare: 1
  • #1

    Traumfaenger71 (Sonntag, 08 September 2013)


    Prima! Ein Mutbürger mehr! Danke an den Sänger!

    Schönen Wochenendausklang!
    Traumfaenger71