"Etwas werden" oder einfach nur "sich selbst sein"?


Typische Aussagen von Eltern
Typische Aussagen von Eltern

Ein Satz, den ich immer wieder höre ist: "Aus meinem Kind soll später einmal etwas werden!" Mir rollt es, alleine schon bei der Aussage "etwas", die Fußnägel hoch. Was heißt das? Etwas! Ein Kind ist doch kein Ding. Ein Kuchen soll etwas werden oder ein Braten, aber doch kein Kind.

 

"Werden" ist der zweite Begriff, der mich stutzig macht. Bei diesen Sätzen gewinnt das Kind permanent an Wertverlust. Ja, genau, einen Verlust kann man auch gewinnen. Wer ständig nur spürt, dass er nichts ist, sondern erst noch etwas werden soll, der kann unmöglich ein Selbstwertgefühl aufbauen.

 

Dieses Phänomen findet man in sämtlichen sozialen Schichten. Vom Akademiker, über den Mittelstandsunternehmer bis hin zum einfachen Arbeiter, alle wünschen sie sich für ihr Kind nur das Beste. Äh, sorry, nicht das Beste, sondern ihr bestes. Die Akademiker hegen meist den Wunsch oder besser gesagt, den Anspruch, dass ihre Kinder in die Fußstapfen der Eltern treten. Am liebsten noch in die gleiche Richtung, die gleiche Uni, die gleiche Verbindung, wenn möglich noch den gleichen Professor. Ob der schon der Steinzeit angehört, spielt dabei keine Rolle. Dann kann man nach dem Studium seine Beziehungen geltend machen und das Kind in deren Kreise einbinden. Jetzt kann der Vater beruhigt im Sohnemann weiterleben.

 

Der Mittelständler hätte gerne einen Erben, dem er all das, was er in den letzten Jahrzehnten hart erarbeitet und aufgebaut hat, ruhigen Gewissens übergeben kann. Warum einem Fremden sein Lebenswerk hinterlassen? Auch hierfür soll, nein, muss das Kind etwas werden. Am besten Betriebswirt, der Klassiker unter den Mittelständlern. Eine einfache Lehre reicht nicht aus, um einen großen Betrieb zu führen. Also muss das Kind studieren, ob es will oder nicht. Was würden denn die Freunde, Verwandten, Angestellten und Nachbarn sagen? Ne, das geht gar nicht. So ein echter Familienbetrieb, das hat schon was.

 

Bei den Akademikern und Mittelständlern könnte man ja noch ein wenig Verständnis aufbringen. Ganz oft kommen schon Generationen aus diesem Milieu. Am besten finde ich die Arbeiterklasse. Seit ca. einem Jahr gibt es keine Empfehlungen mehr für`s Gymnasium, d. h. jedes Kind darf sein Glück für`s Abitur versuchen - ob es will oder nicht. Man mag kaum glauben, wie viele Arbeiter-Eltern ihre Kinder jetzt auf`s Gymi schicken, nur um sagen zu können: "Unser Kind geht auf das und das Gymnasium!". Ganz toll! Hat es überhaupt Interesse, die nötige Motivation und die passenden Noten um auf`s Gymnasium zu gehen? Bekommt es die nötige Unterstützung? Oder geht es hier nur um Prestige? Einfach mal dazu gehören, zum Kreis der Intellektuellen. Ich kenne Eltern, die haben noch nie was zum Lesen in der Hand gehabt, außer vielleicht mal den Lidl- oder Aldi-Prospekt. Aber wozu gibt es denn Nachhilfe, oft sogar staatlich gefördert. Da darf der Hartz-IV-Profi eben mal einen Antrag stellen für Nachhilfe, damit das Kind später einmal etwas wird. Etwas, was man selbst nicht geschafft hat. Und ich schreibe hier nicht über den Normal-Bürger, der unverschuldet arbeitslos geworden ist, weil das Märchen von der Vollbeschäftigung immer noch propagiert wird, nein, ich schreibe hier von den Loosern, die denken, das Kind geht studieren, bekommt später den Superjob und hält die Eltern dann aus.

 

Die meisten denken noch immer, wer studiert hat, bekommt auch einen gut bezahlten Job. Liebe Eltern, aufwachen! Wacht auf aus Euren Träumen, Eure Kinder könnten es später einmal besser haben, denn das ist das häufigste Argument. Die Studierten sitzen haufenweise an der Kasse bei Kaufland oder Lidl oder sie sind klassische Praktikums-Jumper. Mit Ende dreißig fragen sie sich dann, ob sie nicht doch lieber was ordentliches gelernt hätten. Wie man im Leben zurecht kommt vielleicht? Aber wie hieß es im Elternhaus immer: Aus dir soll später etwas werden! Hätten die lieber mal gesagt: Du bist jemand! Dann müssten die Kinder nicht immer auf das Werden warten, sondern wären schon längst jemand, nämlich sich selbst!

 

Jedes Kind ist anders. Jedes Kind sollte seine eigene Persönlichkeit entwickeln dürfen. Und für`s Leben sind Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstliebe viel wichtiger, als ein erfolgreiches Studium. Sicher ist das für den einen oder anderen genau das Richtige, aber das sollte das Kind selbst entscheiden dürfen. Und Kinder, die den Wunsch hegen, einen Beruf auszuüben, bei dem man ein Studium benötigt, die werden das auch zu gegebener Zeit tun, aber dafür müssen sie nichts werden. Da wird der Beruf zur Berufung und nicht zum Statussymbol, bei dem man erst etwas ist, wenn man es erreicht hat. Davon abgesehen, sind die meisten Koryphäen autodidaktisch. Ätsch...


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Kommentare: 5
  • #1

    Traumfaenger71 (Sonntag, 23 März 2014 17:36)


    Sehr guter Beitrag! Den druck ich mir aus und steck ihn mir hinter den Spiegel! Was nutzt all das Studieren von Betriebswirtschaft & Co. wenn man nicht für sein Leben gelernt hat und im Alter dann in Einsamkeit sitzt und sich enttäuscht vom Leben abkehrt!?

    Hmmm ...

    Schönen Sonntagabend!
    Liebe Grüße,
    Traumfaenger71

  • #2

    maras-welt (Sonntag, 23 März 2014 17:53)


    Danke für die Blumen :-)

    Mich kotzt halt an, dass viele Eltern ständig Bedingungen an ihre Kinder stellen, sonst haben sie sie nicht lieb. Das ist keine bedingungslose Liebe, das ist ein Aufbereiten der eigenen Versäumnisse, des eigenen Versagens.

    Ich finde auch, es ist wichtiger, die Kids auf`s Leben vorzubereiten und ihnen zu helfen, dass ihnen Flügel wachsen, damit sie später beim Fliegen nicht ständig auf die Schnauze fallen.
    Dabei fällt mir immer wieder Khalil Gibran ein, aber das kennst Du ja vielleicht noch!

    http://kunstschatulle.blog.de/2013/04/11/kinder-15745525/

    Außerdem ist die ganze Studienscheiße nicht mehr zeitgemäß. Deshalb gibt es auch so viele Kinder, die die Diagnose ADHS erhalten. Die machen da einfach nicht mehr mit :-)

    Aaaber: Es ist nie zu spät um zu SEIN!!!

    Dir auch einen wunderschönen Sonntagabend :-)

    Ganz LG
    Mara

  • #3

    zirkonia (Sonntag, 23 März 2014 21:52)

    sooo schön und richtig erkannt....
    siehe auch den kürzlich erschienen film "alphabet" - unbedingt empfehlenswert

    ruhiger abendausklang wünscht
    zirkonia

  • #4

    maras-welt (Dienstag, 25 März 2014 10:55)


    Hallo zirkonia!

    Die Doku habe ich noch nicht gesehen, aber das Buch dazu. Leider ist das Buch für mich sehr langweilig, da Andrè zig Seiten lang erzählt, was er mit seinem Sohn erlebt und das zieht sich z. T. wie Kaugummi. Ich hätte mir mehr Fallbeispiele und Konzepte von Wagenhofer gewünscht. Aber das ist eine völlig subjekte Meinung.

    Ganz LG
    Mara

  • #5

    Gorden (Dienstag, 21 Oktober 2014 17:27)

    Immer wieder preisen diverse Couches ihre Erfolgsrezepte an: Wie stellt man es an erfolgreich zu werden? Nun, wer die Frage so stellt hat schon verloren. So fragt nur jemand, der erfolglos ist. Alles was dann kommt kennen wir: Er wird nur noch erfolgloser. Ich brauche also kein Erfolgsrezept, ich brauche ein Verteidigungsrezept ! Die Motivation hinter dem Verteidigungsrezept ist eine ganz andere. Hier gehe ich davon aus, dass ich etwas wertvolles besitze und auch behalten möchte. Es ist eine Art Wertschätzung und Dankbarkeit. Und das macht den Unterschied aus !!!

    Wie wäre es damit: Stell dir vor Du wärst schon am Ziel, alle Schwierigkeiten und Probleme wären aus dem Weg geräumt, wie geht es dann weiter? Fange klein an und erinnere Dich an erfolgreiche Situationen in deinem Leben. Schreibe eine Dankbarkeitsliste für all die Erfolge und Glücksfälle in deinem Leben. Und da gibt es eine Menge! Und dann umgib Dich mit Leuten die Erfolgreich sind. Versuche an Ihrem Leben teil zu haben und geniesse diese Zeit. Und irgendwann bist Du dann erfolgsinfiziert.

    Bitte beachten: Natürlich bist Du dann anderen überlegen, immer im Vorteil (und es wird immer wie Zufall aussehen). Aber denke daran, dass es auch anders herum sein kann. Dein Gegenüber von diesem Erfolgsgeheimnis wissen könnte. Würdest Du Dir dann nicht wünschen, dass er Dir noch Luft zum Atmen lässt und Dich nicht einfach an die Wand drückt?! Ich denke schon.