Hausbesuch vom Amtsgericht - Die neuen Siedler von Mannheim (Doku)


Solche Briefkästen sind im Mannheimer Viertel Jungbusch keine Seltenheit
Solche Briefkästen sind im Mannheimer Viertel Jungbusch keine Seltenheit

Die Eingangsmusik dieser Doku erinnert etwas an Zirkusmusik, wenn der Clown auftritt. So ähnlich muss sich der Gerichtsvollzieher auch fühlen, wenn er in Mannheim durch die Häuser zieht, auf der Suche nach Schuldnern.

 

Im (un)beschaulichen Ortsteil "Jungbusch" in Mannheim, versucht Alex Petri, Gerichtsvollzieher am Amtsgericht, tagtäglich sein Glück. Er ist wohl mehr mit Suchen beschäftigt als mit Vollstrecken. Kein Wunder, bei einem Ausländeranteil von ca. 80 %. Die Mannheimer sagen: "Hier wohne man nicht, hier lande man!". Alleine wegen der Sprachprobleme bleiben die einzelnen Nationalitäten lieber unter sich. Da ist schwer ranzukommen und schon gar nicht für einen, der nur etwas möchte, was kaum einer hat: Geld!

 

Seit 13 Jahren hat Alex Petri schon diesen Bezirk und noch immer hat er ihn nicht im Griff. Er selbst beschreibt es so: "Ich bin hier zwar fremd, aber geduldet!". Naja, da kommt es darauf an, wie man eine Duldung definiert. Eigentlich ist Dulden ein Gewährlassen der Handlungen. Alex Petri darf sich zwar frei bewegen, aber so richtig handeln darf er nicht. Vielleicht hätte er in diesen Jahren die häufigsten dort anzutreffenden Sprachen lernen sollen, dass würde ihm einiges erleichtern.

 

Die neueste Sprache, die er hätte lernen sollen, ist Bulgarisch. In letzter Zeit muss er immer häufiger Bulgaren aufsuchen. Und da die meisten noch nicht lange hier in Deutschland leben, sprechen sie auch kein Deutsch. Wenn sie dann mal Deutsch sprechen, dann wird aus der Tante schon mal ein Onkel. Und was bitte schön ist ein Haftbefehl? Dafür zumindest hätte er das Wort Haftbefehl lernen können. Laut Online-Übersetzer wäre das: Заповед за задържане. Ist doch gar nicht soooo schwer. Mit ein bisschen Übung wäre das doch hinzubekommen.

 

Bei seinem ersten Besuch in der Doku besucht er eine bulgarische Familie, die nicht ein Wort versteht, von dem was er sagt. "Haben sie Wertpapiere, Wechsel, Schecks...?" Ding, ding, ding... überall erkennt man die imaginären Fragezeichen. Die Augen werden immer größer und alle hoffen, dass der nette Mann (von wo auch immer er herkommt und was auch immer er will) schnell wieder verschwindet. Dann plötzlich taucht der Vermieter auf und sagt zu Alex Petri: "Ich krieg von sie keine Geld. Habe keine. Gib mir keine Miete." Die kurzen Sätze muss er vorher geübt haben, denn auf weitere Fragen Alex Petris erscheinen auch bei dem Vermieter imaginäre Fragezeichen. Egal, der Vermieter wird eh von der Mieterin rausgeschmissen, weil es ihn nichts angeht.

 

Dann geht es weiter. Alex Petri leiert ordnungsgemäß seinen ganzen Bogen runter und stellt Fragen, die sogar einige Deutsche nicht beantworten können. Am Ende geht er ohne Geld und ohne die Schuldnerin, für die ja eigentlich ein Haftbefehl vorliegt. Sei`s drum, weiter geht`s.

 

Für Alex Petri wäre es nun wirklich an der Zeit, sich entweder die bulgarische Sprache anzueignen oder sich einen Übersetzer zur Seite zu stellen, denn seit der Freizügigkeit der EU kommen ca. 100 Bulgaren im Monat (!) nach Mannheim. Zwar gibt es nicht so viel Wohnraum, aber man mag gar nicht glauben, wie viele Betten in eine kleine Wohnung passen. Und wie viele Menschen in ein Bett. Da kleben an einem Briefkasten mal gut 30-40 Namen dran.

 

Und wenn das eine Haus aus allen Nähten platzt, dann suchen sich Betrüger einfach ein neues leerstehendes und vermieten das. So geschehen mit einem kompletten Mietshaus. Ein paar Türken haben es an Bulgaren vermietet, obwohl es ihnen gar nicht gehört. Egal, die Türken wohnen jetzt im Knast und die Bulgaren immer noch in dem "Bulgarenhaus". Aber nicht mehr lange, die Stadt Mannheim will sie woanders unterbringen. 

 

Alex Petri wurschtelt sich weiter und er schnauft immer noch, wenn er kein Geld sieht. Es gibt einfach Dinge, an die gewöhnt man sich nie. Ich denke, er geht nur arbeiten, damit er sein Geld verdient. Erreichen tut er in seinem Job nichts.

 

Neben seinem Eintreiberjob liest er manchen Bulgaren auch noch Schreiben von der Stadt Mannheim vor. So auch Sezgin. Auch dieser Bulgare versteht nicht einmal Bahnhof. Da soll er zu einer Sachbearbeiterin gehen, um eine Beratung in bulgarischer Sprache zu erhalten: "Gehen sie zu dieser Frau.", sagt Alex Petri. "Oh, meine Frau!", meint Sezgin. Nein, nicht deine Frau, eine Frau. Ja, ja, die Sache mit den Behördenschreiben, zwei Welten begegnen sich, nicht nur unter den Bulgaren. Sezgin nimmt das Behördenschreiben an sich und wieder kann man sie ganz deutlich erkennen: die Fragezeichen!

 

Ein anderer Sezgin wurde auch von Türken über`s Ohr gehauen. Er gehört zu einer Minderheit türkisch abstämmiger Bulgaren. Auf ihn wurde eine Firma angemeldet, obwohl er nur als Tagelöhner für Arbeitskräftesammler, für einen Hungerlohn von 4,50 Euro die Stunde, arbeitet - wenn es denn Arbeit gibt. Auf dem Arbeiterstrich wartet er Tag für Tag auf einen Stundenjob. Lange Zeit hat er keine Ahnung, dass die netten Geschäftspartner auf ihn eine Firma mit vier Angestellten angemeldet haben. Die Belastungen gehen auf sein Konto, jedoch nicht die Gewinne. Ohne auch nur ein Wort Deutsch sprechen zu können, soll er die Bücher eines Unternehmens führen. Ein nicht zu bewältigender Akt. Ein Faß ohne Boden, welches er nicht stopfen kann. Jetzt ist er total verschuldet. Eigentlich hatte er sich in Deutschland ein besseres Leben erhofft. Vom Regen in die Traufe.

 

Wer jetzt denkt, das wären alles Sozialschmarotzer, der irrt. Die wenigsten haben es über den Hartz-IV-Antrag hinaus geschafft. Die meisten wissen nicht einmal, dass es so etwas gibt. Sie werden schon in ihrer Heimat angeworben, von Menschenhändlern, die ihnen ein sorgenfreies Leben im schönen Deutschland versprechen. Von diesen Arbeits-/Menschenhändlern wird alles organisiert. Gute Unterkunft, feste Arbeit und eine Krankenversicherung, so lässt sich`s leben. Von alledem allerdings sehen diese Menschen nichts. Dafür geraten sie schnell in Konflikt mit dem Gesetz und häufen Schulden an, die inzwischen einen immensen Schaden für das Sozialsystem darstellen.

 

Diese Menschen sitzen zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite die Betrüger, auf der anderen Seite das deutsche System, mit dem nicht einmal viele Deutsche klarkommen. Dafür werden sie verurteilt, als Schmarotzer beschimpft, sie seien dreckig und faul. Wenn diese Menschen ordentliche Wohnräume und etwas mehr Geld hätten, würden sie auch sauberer leben. Keiner dieser Menschen lebt gerne so. Falsche Vorstellungen haben sie nach Deutschland gebracht. Am Ende einer langen Odyssee stehen sie doch Schlange und müssen vom Staat aufgefangen werden. Letztendlich erfüllen sie dann doch das Klischee eines Sozialschmarotzers, auch wenn die Beweggründe ganz andere sind.

 

Teile Bulgariens sind schon längst dem Ausverkauf unterlegen. Fruchtbare Böden gehören ausländischen Großgrundbesitzern, Arbeit gibt es so gut wie keine mehr. Ganze Dörfer gleichen inzwischen Geisterstädten. Sie alle wandern aus, mit falschen Vorstellungen und Versprechen. Im Fall Sezgin, der Zweite, lastet nun die ganze Zukunft auf den Schultern des jüngsten Sohnes, der endlich die Schule besuchen und Deutsch lernen darf. Bald darf er sich durch die Behördenschreiben und die ganzen Vollstreckungsbescheide quälen. Dann fängt der Spaß erst richtig an.

 

Wem haben wir das alles zu verdanken? Der EU? Den Betrügern? Dem System? In diesem Fall ist es die EU, die es den Betrügern ermöglicht das verkorkste System auszunutzen. Erst wenn alle Menschen gleichberechtigt leben dürfen, gibt es keinen Nährboden mehr für Betrug.

 


Dir gefällt dieser Artikel? Dann teile ihn mit Deinen Freunden!


Weitere Artikel aus den Kategorien:


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Andi (Sonntag, 21 September 2014 10:05)

    Hallo Leser,
    ich weiss nicht ob ihr es bereits wisst. Aber..

    Gerichtsvollzieher seit August 2012 keine Beamten mehr...
    ...sondern nur noch Privatpersonen bzw. selbständige Unternehmer, wie auch alle Rechtsanwälte.
    http://www.news4press.com/Gerichtsvollzieher-seit-August-2012-kein_708885.html