Das letzte Kapitel - Erich Kästner


Emil und die Detektive, das doppelte Lottchen oder das fliegende Klassenzimmer kennt wohl jeder. Zumindest die etwas ältere Generation unter uns. Ich habe Erich Kästner (1899-1974) schon immer mit Kinderbüchern in Verbindung gebracht. Dass er auch kritische Schriften für Erwachsene verfasst hatte, war mir bis vor Kurzem unbekannt. Seine Schriften waren so kritisch, dass die Nazis sie verbrannten.

 

Unter anderem verfasste er ein Gedicht mit dem Namen: "Das letzte Kapitel" aus dem Jahre 1930. Das wäre ansich nichts Besonderes, aber der Inhalt lässt doch sehr auf Analogien zur heutigen Zeit schließen. Zwar ergeben sich einige Abweichungen, wie zum Beispiel das Jahr (Kästner bezieht sich auf das Jahr 2003), aber der Grundgedanke ist klar erkennbar: Eine Reduktion bzw. Auslöschung der Menschheit durch Flugzeuge, die Gift in die Luft sprühen. Das hat bei einigen Leuten Aufmerksamkeit erregt. Nun stellt sich die Frage: Wieso entspringen Kästner solche Gedanken? Er schreibt von Bazillen und Gasen und einer Weltregierung - und das 1930!

 

"Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten."

Nicht "gelb", aber täglich über den Städten
Nicht "gelb", aber täglich über den Städten

Und hier das ganze Gedicht zum Nachdenken:

 

Das letzte Kapitel (1930)

 

Am zwölften Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

 

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

 

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck,
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

 

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

 

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

 

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.

 

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

 

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

 

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.


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